Beiträge vom 14. Juli 2011

Kitty King comments: Schönheit und Toleranz

Donnerstag, 14. Juli 2011 18:12

Schönheit der Toleranz

Backstage bei der „Michalsky Style Nite“

Nur noch zwei Stunden bis zur Michalsky-Modenschau im Berliner Tempodrom. Die Mode für den Sommer 2012 liegt bereit. Die Mega Model Agency stellt alle Models, und Ted Linow ist für die Choreographie verantwortlich. Eigentlich müsste die Stimmung hinter der Bühne hektisch sein, aber um mal auszubrechen aus dem endlosen Trubel der Modewoche, setzt das Team auf Gemütlichkeit und „Naherholung“: Model Eveline Hall trägt demonstrativ Hausschuhe, und Bookerin Yvonne zieht sich mit einigen Newcomern für ein Laufstegtraining ins Grüne zurück. Toni Garrn erholt sich backstage von den Strapazen der vergangenen Tage, an denen sie – in dicht gedrängter Zeitfolge – ein Shooting für Numéro, eine Charity-Show für die Stiftung “Naked Heart” sowie Couture-Schauen für Alaïa und Dior hinter sich gebracht hat. Hier in Berlin findet sie endlich ein wenig Zeit für die Familie. Ihre Mutter ist angereist, und ihr Bruder, Model Niklas, läuft ebenfalls in der Schau. Am Samstag wird sie in Hamburg ihren Geburtstag im großen Stil nachfeiern, nachdem sie ihn in diesem Jahr bei Schauen und im Flugzeug verbracht hat. Am Abend ihres Festtags war sie froh, wenigstens mal zum Duschen zu kommen und ihre Haare, die bei einem ihrer Jobs mit einer klebrigen Substanz bearbeitet worden waren, noch einmal gründlich auswaschen zu können. Die Woche in Paris hat ihr aber sehr gut gefallen. Das meiste darüber hat sie der F.A.Z. in einem Interview am Morgen erzählt. Sie ist, das ist ganz klar, der Star des Abends. In abgeschnittener Jeans, aber dafür mit Chanel-Handtasche!

Die offiziellen Proben sind gerade vorbei. Sie seien „entspannt“ gewesen, sagt Model Lino Meiries. „Relaxed“, bestätigt Nadine Strittmatter. Das hat seine Gründe: Nachdem Ted Linow von einem seiner Mitarbeiter geraten wurde, als Praktikant zu Michalsky zu gehen, um sich dessen ruhige Art abzuschauen, hat er  ausgerechnet im Tempo-drom das Thema Entschleunigung für sich entdeckt – mit dem Ergebnis, dass die Models auf dem Laufsteg ganze sechs Sekunden lang vor den Kameras stehen bleiben sollen. So haben die Fotografen ausreichend Zeit für ihre Fotos!

Denn darum geht es heute: Sich mal Zeit nehmen für andere, ihnen zuhören, Verständnis zeigen, miteinander leben. Die „Michalsky Style Nite“ steht unter dem Motto „Toleranz“. Dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit gefällt das Thema des Abends: „Berlin lebt von der Vielfalt. Es geht aber nicht nur um Toleranz, sondern auch um Akzeptanz.“ Er selbst hat die Modeszene nicht nur akzeptiert, sondern fördert sie seit vielen Jahren. Er macht, wie immer bei der Modewoche, eine sehr gute Figur: rote Schuhe, passend zum roten Teppich! Renate Künast, seine Konkurrentin im laufenden Wahlkampf, wäre wohl nur im „Green Showroom“ in ähnlicher Weise modisch in ihrem Element.

Das Motto der Show spiegelt sich natürlich auch in der Auswahl der Models: „Wir haben versucht, möglichst unterschiedliche Models auszuwählen“, sagt Michalsky, „damit die Zuschauer sich besser identifizieren können.“ Frauen ebenso wie Männer. So laufen weibliche und männliche Modelle gemeinsam über den Laufsteg – keine Geschlechtertrennung, wie sonst immer noch üblich bei den Schauen. Auch das Alter ist gemischt: Eveline Hall schraubt den Durchschnitt hier etwas nach oben. Man sieht es aber nur an ihrer Haarfarbe, da die 65-Jährige dank täglicher Gymnastik bekanntlich die Figur einer Dreißigjährigen hat.

Die achtzehnjährige Tara Emad vertritt das Revolutionsland Ägypten. Es steht in diesem Jahr wie kein anderes für Toleranz, Akzeptanz, Freiheit. Ihre Mutter, die sich unter die Gäste mischt, hat die ägyptische Revolution als Journalistin gefördert und ein Buch darüber geschrieben: „My eighteen days in Kairo“ – so lange dauerte die Revolution im Januar. Die Tochter arbeitete zu dieser Zeit schon im westlichen Stil als Model und wurde erst kürzlich als „Miss Teen Egypt“ und „Teen Queen of Africa“ ausgezeichnet. Sie ist stolz auf ihre Titel. Vor der Show konnte ich sie für ein kleines Video-Interview gewinnen.


Michalsky präsentiert außer seiner eigenen Kollektion an diesem Abend erstmals auch eine Michalsky-Bikini-Linie, die er für Lascana entworfen hat. Stoßen damit bereits unterschiedliche Model-Typen aufeinander (Swimwear meets Slim Wear…), liegt die Heterogenität der gecasteten Models ansonsten eher in Details, die für das Publikum nicht unbedingt ersichtlich sind. Das gilt besonders im Hinblick auf den achtzehnjährigen Andrej aus Australien. Er ist eines der gefragtesten male Models der Welt, tritt jedoch bei den meisten Jobs als Mädchen in Erscheinung. Männliche und weibliche Attribute miteinander zu vereinen, ist für ihn absolut selbstverständlich: „It is primitive to categorize human beings“, sagt er zur Frage der Geschlechtertrennung; und mehr nicht. Er ist der Inbegriff des modernen Androgynen, und es überrascht nicht, dass die Modeszene ihn liebt. Der Begriff „Toleranz“ ist aus seiner Sicht überflüssig. Denn tolerant kann man nur sein, wenn es Menschen gibt, die ausgegrenzt und als anders angesehen werden. Seine Welt ist einfacher und zugleich auch gerechter: Alle sind anders. Und deshalb sind alle gleich. Es ist genau diese Welt, für die Michalskys „Style Nite“ wirbt. Das Publikum sieht zwar ausschließlich Models, die außergewöhnlich schön sind; aber durch die Mischung von Altersgruppen, Hautfarben und Geschlechtern wirken sie insgesamt  vielleicht ein klein wenig nahbarer als sonst.

Die Vision des Abends: Tolerant sein; die Menschen nehmen, wie sie sind. Andrej lebt schon heute in einer Welt ohne Unterschiede. Außer natürlich in Fragen des Stils: Kurz vor der Show haucht Andrej einen Kuss in Michalskys Richtung und sagt: „I love you, and congratulations: It is a great show!“ Das hat Größe und auch Stil.

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