Beiträge vom 11. März 2011

Kitty King comments: Jetzt aber mal Klartext!

Freitag, 11. März 2011 16:53

Modeln ist Maßarbeit – nicht Krankheit!


Gestern, bei Papà Pane in der Ackerstraße in Berlin, erzählte ein Freund mir, dass die Frau des beliebten Italieners eine Zeitlang mit Hilfe eines Magenbands abgenommen habe. Ihm sei das spanisch vorgekommen: „Eine italienische Mamma muss doch rund sein!“ Interessant, dachte ich. Die Pizzabäckerin soll also bitte so rund wie eine Pizza sein; aber an seine Freundin legt er bestimmt andere Maßstäbe an. Aber als uns dann der Nachtisch gebracht wurde, verstand ich sofort, was er meinte: So eine große Portion Tiramisù – köstlich! Die konnte nur von jemandem stammen, der kein Magenband, sondern gesunden Appetit hat…

Welche anderen Berufe gibt es, fragte ich mich später, mit denen wir bestimmte Körpermaße assoziieren? Fußballprofis haben dicke Waden, gern auch mal O-Beine. Skispringer sind Fliegengewichte, und bei Bauarbeitern denkt man gleich an die Bierwampe. Mathe-Genies und Computer-Nerds stellt man sich dünn und klapprig vor, Opernsängerinnen eher vollschlank: Es wäre ungewohnt, eine „Königin der Nacht“ in Size Zero zu sehen. Auch eine dicke Ballerina beim Spitzentanz kann man sich nur schwer vorstellen (es sei denn, Harpe Kerkeling steckte in dem Tüllkleid.) Und wie wäre wohl eine Modenschau, in der lauter Sumo-Ringer über den Laufsteg stampfen? Nicht mal Gaultier ist bislang auf diese Idee gekommen, natürlich nicht: Jedem Beruf seine „bella figura“ – und dieser „gute Eindruck“ besteht bei Models nun mal darin, schön und schlank zu sein. Was ist schon dabei?

Wenn man die Medien verfolgt, gibt es kaum mehr Models, sondern nur noch Topmodels und „Magermodels“ – überall, wohin das Auge blickt. Keiner kommt auf die Idee, dass dünne Frauen heutzutage vielleicht nur deshalb so auffallen, weil die Gesellschaft immer dicker wird. Muss die Mode sich da anpassen? Es ist inzwischen völlig normal zu fordern, dass Models einen bestimmten BMI haben sollen, um in Modenschauen mitlaufen zu dürfen. Es ist auch völlig normal geworden, für Mode „ohne Models“ zu werben, mit waschechten Frauen inszeniert, schön nah dran am Leben; als wären all die Reality Soaps im Fernsehen nicht schon schlimm genug. Sollte es nicht wenigstens in der Mode noch Raum für Gegenentwürfe geben? Alternativen zu den Größen 40/42 und aufwärts?  Mode soll inspirieren, Mode ist Kunst – und keine Authentizitäts-Werkstatt.

Außerdem sind die meisten Models (und ich kenne wirklich sehr viele) normal-gesund, normal-munter und genussfähig. Ihre Maße 90-60-90 (und Werte rund herum, nur bitte nicht zu rund…) lassen sich wunderbar mit der Anti-Diät „Fit durch Pommes Frites“ vereinbaren. Gut möglich, dass es Leute gibt, die bereits im Vorbeigehen an einer Torte ein paar Gramm zunehmen; aber es gibt eben auch die anderen, so wie mich: Ich muss gleich zwei Stücke von der Torte essen, um nicht abzunehmen! Daran ist nichts krank oder abartig; den dünnen Windhund verdächtigt ja auch niemand, eigentlich ein molliges Tier zu sein.

Früher konnte man als dünner Mensch noch sorglos singen: „Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin, denn Dicksein ist ’ne Quälerei… Ich bin froh, dass ich so ’n dünner Hering bin. Denn dünn bedeutet, frei zu sein.“ Heute dagegen muss man als schlanke Person allen ständig versichern, zwar dünn, aber dennoch gesund zu sein. Mal ehrlich: Das ist doch krank…

Wenn eine deutsche Fernsehmoderatorin ein Buch über ihre Diät und den anschließenden Jojo-Effekt schreibt, beides eine Tortur für den Körper, regt niemand sich auf. Im Gegenteil: Das „Moppel-Ich“ wird gefeiert und der Kampf gegen die Pfunde zum Bestseller. Aber als Kate Moss in ihrem ersten Fotoband am Ende des Vorworts notierte, sie gehe jetzt ein schönes großes Steak mit Pommes essen, glaubten jedenfalls die „Moppel“ ihr kein Wort. Für sie war und blieb sie ein Magermodel: Inbegriff des Unnatürlichen, jugendgefährdend, männermordend u.s.w.

Man sollte, finde ich, mit dem Thema Magersucht nicht so blind hausieren gehen, um bessere Einschaltquoten zu erhalten. Immerhin handelt es sich um eine schlimme Krankheit mit diffusen Ursachen – genetischen, familiären, psychischen. Wer magersüchtig ist, will immer noch dünner werden, hat ein völlig verzerrtes Selbstbild, ist unkonzentriert, arbeitsunfähig, schlaflos. So ein kranker Mensch fällt auf, auch im Model Business… und wird dann von Menschen wie Mega-Chef Ted Linow persönlich zum Psychologen geführt (eine Maßnahme, die in bald 20 Jahren Agenturgeschichte aber erst ein einziges Mal notwendig war.) Gerade in deutschen Modelagenturen werden Models verantwortungsvoll und individuell betreut, von Bookern, die rund um die Uhr erreichbar sind und wirklich alles geben für das Wohl ihrer Schützlinge.

Nun führt ausgerechnet Nadja Auermann, die früher selbst gern als Lolita oder Vamp posierte, der ganzen Magermodel-Debatte frisches Futter zu, mit ein paar gepfefferten Sätzen in der BILD: „Wir brauchen ein Gesetz gegen Magermodels. Es geht darum, kein pädophiles Schönheitsideal in der Mode zu prägen.“ – Was soll das? Eine späte Läuterung? Ein Versuch, in die Presse zu kommen? Die Neurobiologie vermutet, dass krankhafte Veränderungen im Gehirn die Störung Pädophilie auslösen; aber keine Modekampagne…

Was wollen die Leute eigentlich? Dass Models demnächst ihre schönen Körper verstecken? Dass sie, als Nonnen oder Priester verkleidet, in langen Gewändern über den Laufsteg wandeln? Fellini hat diese Idee schon 1972 in seinem Film „Roma“ gewagt: Heilige Mutter Maria! Mamma Pane! Soll das die Zukunft sein? Als wüsste nicht jeder, dass selbst unter dem katholischsten Gewand die falschen Sexualtriebe lauern können…

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