Kitty King comments: Moskau 1987
Mit luftigen Kleidern durch den Eisernen Vorhang!
Ted Linow für Burda Moden 1987 in Moskau
Bevor Ted Linow die Mega Model Agency gründete, arbeitete er auf der ganzen Welt als Choreograph von Modenschauen. Seine Rollerskates hatte der ehemalige Rollkunstläufer im Laufe der Jahre gegen weiße Turnschuhe eingetauscht, ähnlich derer, in denen Joschka Fischer sich 1985 zum Minister vereidigen ließ.
Ted Linow
1985 war auch das Jahr, in dem Michail Gorbatschow Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wurde. Unter den Begriffen Glasnost und Perestroika leitete er eine neue Politik ein, von der wir heute wissen, dass sie zum Einsturz des früheren Ostblocks führte. Auch in der Mode war Glasnost (russisch für: Transparenz, Durchlässigkeit) ein Thema: Welche andere Bekleidung ist schon so durchlässig wie ein grobmaschiger Strickpulli? In den achtziger Jahren zählten solche selbstgestrickten Pullis ja allgemein zu den beliebtesten Kleidungsstücken. Stricken und Nähen waren als Hobbys weit verbreitet, nicht nur bei den Frauen. Auch die neu entstehende Männerspezies der Softis strickte munter vor sich hin. Die Grünen klapperten sogar im Bundestag mit ihren Stricknadeln. – Dies war auch die Hochphase der Zeitschrift Burda Moden mit ihren Strick- und Schnittmusterbögen. Kein politisches Blatt auf den ersten Blick, aber wie man sich täuschen kann…
Aenne Burda und ihre Burda Moden
Im März 1987, zwei Monate, bevor Matthias Rust in seiner Cessna auf dem Roten Platz landete, erhielt Ted Linow einen Anruf des Burda-Verlags, der ihn einlud, nach Moskau zu reisen. Aenne Burda führte eine internationale Delegation an, der auch Ingrid Vogelsang, die damalige Burda Moden-Chefredakteurin, Eileen Ford, die Inhaberin der Agentur Ford Models, Topmodel Christy Turlington und rund ein Dutzend anderer Models angehörten. Grund der
Reise: Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März erschien das Heft Burda Moden als erste westliche Zeitschrift überhaupt in der Sowjetunion – ein Ereignis von politischer Tragweite!
Damals fand einmal im Jahr auf dem Roten Platz in Moskau eine große Militärparade statt, die stets in das Rot eines Meers aus sowjetischen Flaggen getaucht war. Andere Paraden waren hier nicht gestattet. – Aber nun dies: Pünktlich zum Launch der Burda Moden in Russland durfte eine bunte Modenschau im Gewerkschaftshaus am Roten Platz veranstaltet werden, ausgerechnet an diesem geschichtsträchtigen Ort. Die Schau wurde im Sowjet-Fernsehen übertragen, die Tagesschau berichtete über das Ereignis, im Nachrichtenmagazin Der Spiegel war vom „spektakulären Moskau-Coup des Burda-Verlags“ die Rede, und der damalige Außenminister Genscher war sogar der Meinung, dass Aenne Burda „mehr geleistet habe als drei Botschafter vor ihr.“
Da mochten die Designer in Paris oder New York noch so sehr versuchen, mit Schulterpolstern oder Radlerhosen für Aufsehen zu sorgen. Mit ihrem Runway in Russland stahl die damals schon 78-Jährige allen die Show. Mit Hilfe von Raissa Gorbatschow hatte sie den Eisernen Vorhang durchdrungen, als ob er aus grobmaschiger Wolle gestrickt wäre.
Die beiden Frauen, Aenne und Raissa, erwiesen sich als die besten Diplomaten ihrer so unterschiedlichen Heimatländer – die Mode als Mittel zur Völkerverständigung.
„Die Schau war etwas Besonderes“, erinnert sich Ted Linow beim Blick auf Fotos von damals: „Im Vorprogramm trat das Bolschoi-Ballett auf – wohlgemerkt, im Vorprogramm! Im Hauptteil
kamen dann wir an die Reihe!“ Lachend denkt er an die Ehre zurück, von einem Choreographen des weltberühmten Bolschoi-Balletts als „werter Kollege“ angesprochen zu werden, was ihm mehr als übertrieben erschien. Auch die Namen der Models, die er als Choreograph über den Laufsteg schickte, hat er noch im Gedächtnis: Renee Simonsen, Christy Turlington, Christine Holderied, Evelyn Peretti, Katja Zimmer, Kim Dominick, Raffaela Manetti, Vanessa Downing, Antoinette Kregel und andere Schönheiten.
Biggi, Schubu, Vanessa D., Christy Turlington, Renee Simonsen, Evelyn Peretti
Möglicherweise musste sich bei ihrem Anblick manch ein sowjetischer Politiker im Publikum eingestehen, dass der Westen doch seine Reize hat. – Jedenfalls wurde am Ende der Schau
ordentlich geklatscht. „Die Models brachten Lebensfreude zum Ausdruck“, erinnert sich Ted Linow, „und es herrschte eine fröhliche Stimmung, passend zu der gezeigten Mode.“ Bejubelt wurde besonders Helga aus Hamburg, die als etwas rundlicheres Model der heutigen Brigitte um mehr als 20 Jahre voraus war… Sie marschierte mit einem gebrochenen Zeh über den Laufsteg – eine kleine Heldentat, ein Extra für Russland.
Aftershow-Party
Heutzutage zählen reiche Russinnen zu den besten Kundinnen westlicher Designer. Aber 1987 konnte sich niemand vorstellen, dass nur wenige Jahre später russische Oligarchen ganze Kollektionen, Modemarken oder Fußballclubs aufkaufen würden. Es herrschte Warenmangel in Moskau. Das traditionsreiche Kaufhaus GUM bot zwar alle möglichen Luxusgüter an, aber die meisten Russen konnten sie sich nicht leisten. Als die Burda Moden in den Schaufenstern erschienen, bildeten sich rasch Menschentrauben: Stundenlang zeichneten Frauen die Entwürfe ab. Andere boten Kaviar auf dem Schwarzmarkt an, um eines der begehrten neuen Schnittmusterhefte zu ergattern. Das rührte Aenne Burda und ihre Begleiter so sehr, dass sie danach noch großzügiger Geschenke verteilten: Zeitschriften, Schokolade, technische Geräte. Ted Linow orientierte sich dabei an der christlichen Vorstellung, dass man mit anderen auch mal das letzte Hemd teilen muss und ging sogar noch einen Schritt weiter: Spontan überließ er einem Busfahrer seine Jeanshose! In welcher Montur er anschließend zurück ins Hotel gelangte, ist als Geheimnis in die Geschichte der Burda-Russland-Mission eingegangen, die viele neue Wege eröffnete.
Übrigens: Das Stricken kommt wieder in Mode, und zwar als Party-Event. Im Berliner Café Heroes in Neukölln fand zuletzt am 9. April eine Strick-Party statt,veranstaltet von der Gruppe Apéro Trico, die in Paris das Stricken en vogue gebracht hat. Ihr geht es allerdings nicht mehr um den alten Wollpulli, sondern um Kunst, genauer gesagt um ein Bestricken der Architektur oder Landschaft. Erste Spuren kann man in Berlin schon sehen…
Gestricktes, mal anders.







