Kitty King comments: Florentine Pabst im Interview exklusiv für Mega

„Helmut Newton hat mir Präzision beigebracht.“

Florentine Pabst im Interview

 

Als ich Florentine Pabst zum ersten Mal traf, war sie Modechefin der deutschen Marie Claire und ich als eines von mehreren Models für einen Job in Paris gebucht. Wir Models trugen bunte Chanel-Kleider, und der Fotograf John Scarisbrick sprang beim Arbeiten wie ein Flummi auf und ab, während er laute Techno-Musik hörte. Es war einer meiner ersten Fototermine, und diese gewaltige Geräuschkulisse hallte noch am nächsten Tag in meinen Ohren nach.

Vermutlich, genau weiß ich es nicht mehr, wird Florentine Pabst die Eigenart des Fotografen ähnlich geduldig hingenommen haben wie meine Fragen im nachstehenden Interview: Sie nimmt sich Zeit für ihre Mitmenschen; sie hat ein offenes Ohr für andere, was in der Modebranche – nicht zuletzt wegen der Hektik – nicht selbstverständlich ist. Sie ist großzügig, wenn sie erzählt, verstellt sich nicht, sondern gibt und gibt. Je länger ich mit ihr spreche, desto stärker habe ich den Eindruck, dass Florentine Pabst, von der Süddeutschen Zeitung kürzlich als „Deutschlands wichtigste Frau in der Mode“ bezeichnet, noch viel mehr ist: Eine Poetin, einfühlsam und phantasievoll im Umgang mit Menschen wie auch mit der Sprache – ihrer eigenen ebenso wie mit der Sprache der Mode.

In den siebziger Jahren Moderedakteurin beim Stern, in den achtziger Jahren für die deutschen Ausgaben der Vogue und Harper’s Bazaar tätig, leitete sie von 1990 bis 2003 das Moderessort der deutschen Marie Claire. Seitdem arbeitet sie weltweit als freie Stylistin und hat im vergangenen Herbst Peter Lindbergh bei der Jubiläumsausgabe der deutschen Vogue zur Seite gestanden. Ihre Freude am kreativen Ausdruck lässt sie außerdem immer wieder nach Stift und Papier greifen: Eine Künstlerin eben, die in der Lage ist, überall Schönes zu entdecken; und sei es beim Anblick von Alltagskleidung. 

Ein Gespräch über Mode und Stil im Wandel der Zeit.

 

Sie schreiben gerade ein Buch. Wie lautet der erste Satz? 

Florentine Pabst: Das Buch beginnt mit einem Dialog zwischen meiner Mutter und mir, in dem ich ihr mitteile, dass ich schwanger bin. Daraufhin fragt sie mich: „Warum lachst Du? Findest Du das etwa witzig?“ Den ganz genauen Wortlaut kann ich Ihnen jetzt nicht aus dem Stegreif sagen.

Verfassen Sie Ihre Autobiographie?

Nein, ich beschreibe nur einen Lebensabschnitt, und zwar die Jahre von 1968 bis 1970. Ursprünglich sollte es vor allem um die Beziehung zwischen Mutter und Tochter gehen, aber dann sind immer weitere Aspekte hinzugekommen. Auch mein Schreiben hat sich verändert: Der Inhalt ist zwar autobiographisch, aber die Sprache hat mehr etwas Romanhaftes.  

Schreiben Sie auch über die Mode dieser Jahre?

Das Thema schwingt natürlich mit, aber als Hintergrund, manchmal wie eine Art optische Begleitung. Als ich 1968 erstmals nach London kam, hat die Stadt mich von einem Tag auf den anderen verändert. Ich war fasziniert von der englischen Art, sich zu kleiden. Aber ich denke dabei nicht an die Carnaby Street, die schon damals eher eine Touristenattraktion war.

 

Sondern? An welchen Stil denken Sie? 

An Ossie Clark zum Beispiel. Er war ein hochbegabter Designer und, wenn auch nur für kurze Zeit, äußerst einflussreich.

Oh! Den kenne ich gar nicht!

That’s b-a-d! Den Namen sollten Sie kennen. Andererseits… Sie waren damals ja noch nicht mal geboren. Sicherlich kennen Sie ein paar junge Designer oder Labels, deren Namen wiederum mir nichts sagen…

Ich gehe in London zum Einkaufen auf Flohmärkte.

Sehen Sie, das ist gleich geblieben! Ich besuchte damals gern den Antikmarkt in der King’s Road und muss Ihnen sagen: Das war irre! Es gab dort einen Mann namens Virn Lambert. Einmal, als ich zu ihm kam, hatte er eine große Mülltüte neben sich stehen. Ich schaute hinein und entdeckte: Chanel aus den dreißiger Jahren,  Balenciaga, Lanvin. Für ein paar Pfund konnte ich da die traumhaftesten Sachen kaufen. Seinen Stand hatte er gemeinsam mit Ulla Larsen, einem schwedischen Ex-Model – a charming woman! Die neue englische Romantik hat mich begeistert. Die jungen Leute sind in jenen Jahren aus dem Establishment ausgebrochen, auch äußerlich: Wie sie sich anzogen, so sehen heute viele Figuren in Fantasy-Filmen aus.

 

Sie zum Glück nicht. – Seit wann arbeiten Sie als Stylistin?

Nach meinem Volontariat bei der französischen Marie Claire habe ich mich 1967 beim Stern dem damaligen Leiter des Unterhaltungsressorts vorgestellt, Wilfried Achterfeld. Als Textproben legte ich ihm ein paar Kurzgeschichten vor. Er sagte am Ende unseres Gesprächs zu mir: „Ich brauche keine Belastung, sondern eine Entlastung!“ Aber dann hat er mich trotzdem einen Artikel verfassen lassen. Da ihm das Ergebnis gefiel, hat er mir gleich eine Stelle als Jungredakteurin angeboten, und er ließ mich alles Mögliche schreiben, über Filmstars und Popleute. Ins Moderessort bin ich übrigens dann mehr oder weniger zufällig hineingerutscht.

 

Unglaublich! Heute undenkbar! 

Das stimmt. Es ist schade, wie sich heute viele durchkämpfen müssen.

Der Zeitschriftenmarkt hat sich verändert: Marie Claire, Harper’s Bazaar und Vanity Fair wurden eingestellt. Der Stern gibt nur manchmal Modebeilagen heraus. Stattdessen Klatschheftchen, wohin das Auge blickt.

Da kann man nichts machen. Zeitschriften werden wohl immer mehr wie das Fernsehen. Und Klatsch ist im Augenblick offenbar das, was sich in Deutschland besonders gut verkauft. Aber allmählich wird es langweilig: Sieht doch alles gleich aus, habe ich den Eindruck, wenn ich das Zeug beim Friseur durchblättere. Was ich bei deutschen Zeitschriften oft problematisch finde, ist, dass sie den Frauen irgendwie den Mut zum eigenen Stil nehmen oder sie jedenfalls nicht sehr motivieren, individuell zu sein.

Haben Sie diesen Eindruck auch beim Blick in Modemagazine?

Das kommt auf die einzelne Ausgabe an. Man merkt gelegentlich schon, dass ein enormer Verkaufs- oder Anpassungsdruck herrscht. Es ist schwerer geworden, eigenwillige Strecken zu produzieren, die Emotionen wecken und von denen andere schwärmen: „Hast Du das gesehen? Ist ja wahnsinnig!“ Das war früher möglich. Obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, mit meinen Produktionen beim Stern und der Marie Claire auch oft ganz schön angeeckt bin und mir die Finger ordentlich verbrannt habe; so rosig waren die alten Zeiten auch nicht immer.

 

Hat sich der Blick auf die Mode allgemein verändert?

Man spürt, dass die Augen stark auf die Designer gerichtet sind, auf die Schauen, die Modewochen. Alle repetieren die Trends, die dort gezeigt werden. Nur wenige Stylisten haben den Mut, etwas ganz Eigenständiges zu produzieren. Zu ihnen gehört Marie-Amélie Sauvé, die jetzt bei der amerikanischen Vogue ist, die Muse von Nicolas Ghesquière. Sie leistet hervorragende Arbeit und kreiert etwas ganz Neues. Sie hat ihre ganz besondere Handschrift, die man sofort erkennt. Wenn ich heute noch einmal von vorne anfinge: Sie wäre mein Vorbild! 

 

Viele Fotografen und Redakteure beklagen, dass sie bei Modeproduktionen die Kleider von Anzeigenkunden möglichst komplett zeigen müssen; früher konnten sie angeblich freier arbeiten…

Damals schenkten die Fotografen der Kleidung allerdings auch von sich aus mehr Aufmerksamkeit. Schauen Sie sich die Fotos von Richard Avedon und Irving Penn  an: Da sehen Sie jede Naht! Das war fast selbstverständlich. Auch Helmut Newton hatte einen gründlichen Blick. Die Einstellung der Fotografen zur Mode hat sich verändert. Vielen ist heute egal, ob ein Kleid von Karl Lagerfeld oder Marc Jacobs ist. Ihnen geht es mehr um ihre eigene Kunst, ihr Foto und ihr Image.

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Helmut Newton erinnern?

Ja, ich trug einen Strohhut aus den dreißiger Jahren. Seine Idee war ein ungewöhnliches Foto, auf dem sich zwei Frauen küssen. Das war Anfang der siebziger Jahre sogar ziemlich gewagt. In der Mittagspause, es war in Paris, habe ich mir in einer internationalen Buchhandlung die Tagebücher von Virginia Woolf gekauft, und als er das mitkriegte und eines der Bücher aus der Tüte zog, kommentierte er lachend: „Ich hasse intellektuelle Frauen!“

Dennoch hat er über viele Jahre mit Ihnen zusammengearbeitet.

Ja, und wir haben traumhafte Sachen zusammen gemacht. Wenn viele Leute sagen, dass es  schwierig gewesen sei, mit ihm zu arbeiten, dann gilt das für mich auf keinen Fall – im Gegenteil: Es war für mich immer das Schönste, mit einem Genie, wie er es war, zu arbeiten. Newton hatte Visionen und realisierte sie voller Leidenschaft. Vor einer meiner letzten Produktionen mit ihm klagte er über starke Knieschmerzen. Dumm war, dass wir vorhatten, auf den Klippen von Monte Carlo zu fotografieren, über die er hätte klettern müssen. Als er morgens zu mir ins Hotel kam, war sein Knie so stark geschwollen, dass er kaum auftreten konnte.  Er sah sich in meinem Zimmer um und meinte: „Gar nicht schlecht!“ Es war es ein ganz gewöhnliches Monte-Carlo-Hotelzimmer. Er ließ ein Bild von der Wand nehmen und ein bisschen ’was umstellen. Und dann machte er sämtliche Fotos dieser Produktion in meinem kleinen Hotelzimmer, und es wurde eine Superstrecke! Er hatte nur einen Assistenten, machte nur wenige Polaroids, nach denen er sich dann exakt beim Fotografieren richtete, und brauchte für die eigentlichen Fotos gerade mal eine Filmrolle pro Motiv. That’s it. Helmut Newton hat mir Präzision beigebracht. 

 

Und  wie können wir uns den Fotografen Hans Feurer bei der Arbeit vorstellen?

Ganz anders. Er macht schon mal mehr Druck. Er skizziert die Vorschläge der Stylistin auf Papier, und nach dieser Vorlage wird streng gearbeitet. Aber so jemand kann auch sehr anspornend wirken: Man strengt sich fürchterlich an! Das Frauenbild eines Feurer ist übrigens das genaue Gegenteil der Newton-Frau. Aber ich finde beide faszinierend.

Ich mag besonders gern die Fotografie von Peter Lindbergh. Sind Sie eigentlich seine Muse?

Aber nein! Peter ist wie Familie für mich. Auch die Models fühlen sich bei ihm extrem wohl. Es gelingt ihm immer, bei der Arbeit eine besonders schöne Atmosphäre herzustellen, und das geht natürlich in die Emotion seiner Fotos, deswegen sind sie oft so emotional stark. Außerdem liebt er Frauen einfach. Deshalb will er sie auch nie in artifizielle Kreaturen verwandelt sehen und möchte sie auch nicht zu sehr in Mode verpacken; stattdessen soll ihre Weiblichkeit auf sanfte Weise dominieren. Er mag es nicht, wenn Hairstylisten und Visagisten zu eifrig sind. Er möchte die Frau, das Model, die Schauspielerin möglichst authentisch zeigen, ja, das ist es, glaube ich. Einmal bat er Christy Turlington, sich abends nicht abzuschminken, um sie dann am nächsten Morgen mit zerzaustem Haar und mit ein bisschen Rest vom Make-Up zu fotografieren, das war echt.

Und was erwartet er von seiner Stylistin?

Schwierig, man kann es nur ahnen, man muss sehr viel Intuition besitzen. Ihm geht es nur um die Frau, die er fotografiert, das darf man als Stylistin bei ihm nie vergessen. Am liebsten ist es ihm, wenn man nur das Gesicht sieht. Und sehr gefällt es ihm, wenn sie einen einfachen Mantel trägt, am besten einen Männermantel.

Haben Sie die von Ihnen verantworteten Modestrecken gesammelt?

In irgendwelchen Kartons liegen ein paar von ganz früher. Aber gesammelt habe ich sie eigentlich nicht. Und einige von Helmut Newton oder Peter Lindbergh kann man in deren Büchern finden und demnächst wohl auch in einem großen Hans-Feurer-Buch.

Haben Sie das Gefühl, dass Trends sich wiederholen?

Ja, doch ich finde diesen Aspekt der Wiederholung, die ja letztlich immer nur eine Annäherung ist, äußerst spannend. Es kommt immer auf die aktuelle Umsetzung an. Wie das Bild der Frau und der Blick des Fotografen sich wandeln, verändern sich auch die Modestrecken. Das gleiche gilt für das Styling.

Und was halten Sie vom Kopieren? Von Läden wie H&M, Mango oder Zara

Toll! Diese Läden geben jeder Frau die Möglichkeit, sich modisch zu kleiden. Ich finde deren Kollektionen oft sehr inspirierend und gucke sie mir gerne an und kaufe auch was. Und wenn sie etwas nachmachen oder nachahmen, dann kann man dazu nur Karl Lagerfeld zitieren, der gesagt hat: „Solange ich kopiert werde, bin ich gut!“

Karl Lagerfeld ist der Patenonkel Ihres Sohnes. Woher kennen Sie ihn?

Das kann ich Ihnen genau sagen, ich war schwanger mit meinem Sohn und mit dem Model Eija befreundet, damals eine Muse von Karl Lagerfeld. Eija nahm mich mit zu einem Abendessen, bei dem er mir gegenüber saß. Und, was soll ich sagen? Das war  Liebe auf den ersten Blick. Wir haben den ganzen Abend lang ununterbrochen miteinander gesprochen und sind seitdem befreundet. Mein Sohn heißt ja auch Karl Jacob.

 

Können Sie sich vorstellen, als Stylistin für Prominente zu arbeiten?

Nicole Kidman für die Oscar-Verleihung auszustatten? Das wäre vielleicht spannend, denn sie ist für mich eine tolle Persönlichkeit. Außerdem, fällt mir ein, habe ich immer wieder mit Stars zusammengearbeitet, sehr gut mit Tina Turner, Julia Roberts, Kim Basinger, Isabella Rossellini, Isabelle Huppert, Hilary Swank, Richard Gere. Es waren viele, aber irgendwie vergesse ich so ’was leicht. Vor kurzem arbeitete ich mit Robin Wright-Penn. Im Sommer schaue ich mir gerne die jungen Mädchen und Frauen auf der Straße an: Wie sie sich kleiden, inspiriert mich sehr. Auch mutige junge Türkinnen fallen mir da immer auf, wenn sie sich provokant und sehr phantasievoll kleiden – wunderbar! Ich mag es auch, wenn eine junge Frau alle Stile durcheinander mixt und sich an keine Regeln hält. Eben alles, was ein Ausdruck von Lebensfreude und ein Gefühl von Freiheit ist.

Und welche Models inspirieren Sie?

Karen Elson, Veruschka liebe ich, Kate Moss finde ich fantastisch, Tatjana Patitz mag ich sehr.

Was braucht eine Modejournalistin, um zu reüssieren?

Passion! Individualität! Ein wahnsinnig gutes Auge. Mut. Und, logisch, Power, sonst kann man es vergessen.

Vielen Dank, Frau Pabst, für das Gespräch!

Alles Weitere, liebe Blog-Leser, können Sie nachlesen, wenn erst das Buch von Florentine Pabst erschienen ist. Unser Gespräch fand übrigens am 28.2. in Hamburg statt. Momentan ist Florentine Pabst zu Gast bei den Schauen in Paris: Leidenschaft verpflichtet!

Viele liebe Grüße,  Kerstin Susanne König

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Datum: Donnerstag, 11. März 2010 9:50
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