Kitty King comments: Fashion Week Berlin 2010 Teil 2

22. Januar 2010 / 3. Tag
Meine innere Uhr verwechselt den Freitag wohl mit einem freien Tag: Jedenfalls wache ich erst auf, als die Schauen bereits in vollem Gange sind. Der eine oder andere meldet mich auf meinem Handy als vermisst – und wenn schon! Bei Strenesse Blue treffe ich Alfons Kaiser wieder. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, würde er heute auch als Alfons Heiser durchgehen, aber seinen Texten, teils spät nachts noch ins Netz gestellt, merkt man diese Anstrengung nie an.
Pünktlich zum Auftakt der Strenesse Blue-Schau stehe ich in der letzten Reihe und krame in meinen Unterlagen. Die Notiz „AG!“ auf meinem Block zwingt mich nachzudenken: Welche Arbeits-Gemeinschaft oder Aktien-Gesellschaft? Aber als kurz darauf Agnieszka den Laufsteg betritt, erkenne ich das Mega-Model „AG“ (ausgesprochen: Äidschi) sofort wieder, wobei ich mich frage, warum ein so klangvoller Vorname nicht vollständig ausgesprochen wird. Auch Sona M. gefällt mir gut in der Schau. Ein Glück, dass bei ihr nur der Nachname abgekürzt ist. Denn ihre Initialen „SM“ würden wohl die falschen Kunden anlocken…
Hochwertige Stoffe, elegante Schnitte: So klassisch die Kollektion, so neu die Idee von Strenesse Blue, ihre Fans mit Hilfe von „Twitter“ über den Verlauf der Schau zu informieren. Urbane Looks in Beige, Grau oder Braun. Die Hosen dürfen auch mal etwas weiter und mit Bundfalten versehen sein. Mir ist die schmale Stoffhose zum grauen Cashmere-Pulli dann aber doch lieber. Die hohen Schnürstiefel à la Mary Poppins und die hochstehenden Wollmützen ziehen die Silhouette in die Länge – ideal für Frauen, die nicht ganz so schlank wie die Models sind, aber die gleichen schönen Minikleider tragen wollen.
Am Ende großer Applaus für Viktoria Strehle: Christiane Paul, Hannah Herzsprung und Sarah Wiener eilen herbei, um der Designerin zu ihren Entwürfen zu gratulieren. Peter Lohmeyer hat erstmals eine Modenschau miterlebt und wundert sich über die ernsten Gesichter der Models: „Wo bleibt die Emotion?“ Ich rate ihm, sich schnell auf den Weg zur Michalsky-Party zu machen. Wenn schon Emotionen, dann jawohl dort…
In der Garderobe des Friedrichstadtpalastes treffe ich Christina Kruse, die gerade geschminkt wird. Die anderen Models sind schon zurechtgemacht. Das Make-Up für die Mädchen: „Rock chick!“ Mit dunklen Augen und entfärbten Augenbrauen. Die Frisuren der Jungs erinnern an James Dean.
Model Benny erzählt mir, wie er sich die Wartezeit vertreibt: „Leute nerven, Musik hören, Blödsinn reden!“ Und der
will „Ernst“ mit Nachnamen heißen? Halb Model, halb Profi-Fußballer, aber auf jeden Fall ein ganzer Kerl: Das ist Benny in seiner Lieblingsmodelpose namens „Goal-Getter“…
Und hier ein Foto von Philipp in seiner Lieblingspose (ohne Name).
Als ich gerade mit Model Daniel spreche, erreicht mich eine SMS aus dem Foyer des Friedrichstadtpalastes: „Viel zu
voll. Rund 2000 Leute.“ Das war ja klar: Immer gehen alle zu Michalsky, viele aber nur zu den Partys, nicht zum Einkaufen in die Boutique – vielleicht ein Grund dafür, dass die Michalsky StyleNite mit freundlicher Unterstützung durch den Paketservice der Deutschen Post (DHL) live im Netz übertragen wird. Der Friedrichstadtpalast, in dem früher das DDR-Fernsehballett tanzte, scheint endgültig im Kapitalismus angekommen zu sein: „Live the Revolution!“ lautet dann auch das Motto der Schau von Lala Berlin, der ersten Kollektionspremiere am heutigen Abend.
„Live the Revolution!“ Aber welche? Designerin Leila Piedayesh sagt, dass sie sich „allen Kämpferinnen dieser Welt“ verbunden fühle. Die sonst fließenden Formen von Lala Berlin brechen hier und da auf, asymmetrische Säume werden sichtbar. Der übergroße Mantel, der mir am besten gefällt, ist wie geschaffen für turbulente Zeiten des Umbruchs. Auch das Abendkleid aus Metallgarn ist sehr sehenswert.
Was für ein schriller Auftakt bei Kaviar Gauche: Die Performance-Künstlerin Bella Berlin tritt als lebendige Discokugel
auf. Laserstrahlen werden von den Spiegeln ihres metallisch-glänzenden Anzugs ins Publikum reflektiert. Die Kollektion weist zwar viele Glanzeffekte auf (Pailletten, Swarowski-Steine), nur leider keine Glanzstücke. Die Kombination Blazer zu Strumpfhosen mit diskret überklebtem Intimbereich überzeugt mich jedenfalls nicht.
Sonderbares lässt sich nach der Schau im Backstage-Bereich beobachten: Bella Berlin schimpft laut und wirft einen Stuhl durch den Raum. – Eine Fleisch gewordene Discokugel in Rage? Nichts wie weg…
Michalsky
Die Wände im Saal hinter der Michalsky-Bühne sind mit kunterbunten Luftballons übersät. Einen davon lasse ich platzen, in Erwartung weiterer Knalleffekte während der Schau, so wie man sie von Michalsky gewohnt ist.
Man denke nur an die Kirchenfenster-Muster im vergangenen Jahr. Diesmal aber präsentiert er eine gut tragbare Kollektion in dezenten Farben. Schon der erste Look, ein tailliertes kleines Schwarzes, ist erfrischend normal. Christina trägt als erstes Outfit, einen silberner Overall, leger, aber dennoch sexy. Michalsky nennt Christina “La Kruse” und zeigt sich am Ende der Show mit ihr.
Mir gefallen die lässig weiten Schnitte der Jacken, Capes oder Pumphosen, die Hochwasser-Hosen und auch die Springerstiefel. Welche Teile der Kollektion für SIE und welche für IHN sind, lässt sich in vielen Fällen nicht so genau sagen, außer natürlich bei den Abendkleidern und den High Heels, die extra hohe Absätze haben. Darauf möchte man nicht balancieren; die Models, darunter auch Josefine und Jana, meistern die Herausforderung aber souverän.
Dass nach der Schau die Band Spandau Ballet auftritt, interessiert die Models nicht besonders. Vorhin Kruder und Dorfmeister und jetzt noch Vorstadt-Ballett? Schon fürchte ich, dass die Veranstaltung ins Provinzielle abrutscht, als mir jemand erklärt, dass die Band, die hier gleich auf der größten Theaterbühne der Welt aufspielen wird, in den Achtzigern Hits wie „Gold“
gelandet habe. Also höre ich noch ein Weilchen zu, wippe mit dem Fuß, entscheide mich dann aber doch für: weiße Bettwäsche, eine rote Wärmflasche und hoffentlich gute Träume!
23. Januar 2010: Letzter Tag
Es ist immer das gleiche am Ende einer Modewoche. Bei aller Begeisterung für die Sache stellt sich irgendwann doch eine gewisse Erschöpfung ein. Dann rasen mir zu viele Bilder von Schauen, Outfits, Models, Fotografen und Journalisten im Kopf herum. Mir ist nach einer Pause zumute. Aber aus Sorge, vielleicht doch etwas zu verpassen, besuche ich noch die Modenschau von Ic! Berlin (gesprochen wie das englische „I see“). Wohl auch in der Hoffnung, das Thema Brillen könnte mir eine klarere Sicht der Dinge verschaffen…
Tatsächlich: Als der Brillenmacher Ralph Amber zu Beginn der Schau nackt auf dem Laufsteg erscheint und sich von einer Frau fesseln lässt, die eine Burka trägt, komme ich – nach vier Tagen Mode-Marathon – plötzlich wieder zur Besinnung. Hier, das ist ganz klar, gibt es nichts mehr zu verstehen und auch keine Zeit mehr zu verlieren. Draußen scheint die Sonne, und ich entschließe mich zu einem schönen Waldspaziergang rund um den Liepnitzsee.
