Kitty King comments: Fashion Week Berlin 2010

„Das Problem selbst bei den schönsten Kollektionen:
Oben guckt immer der Kopf raus!“
(Ted Linow im Borchardt)kerstin-neu

20. Januar 2010 / 1. Tag
Obwohl die Modewoche schon um zehn Uhr beginnt, schlafe ich erstmal aus. Wer genug Erfahrung mitbringt, weiß schließlich, dass Modewochentage die längsten des Jahres sind und die Veranstaltungen daher umso gründlicher ausgewählt werden müssen. Man darf mit seinen Entscheidungen allerdings nicht so lange warten wie

Julia Roberts als Modejournalistin in dem Film Prêt-à-Porter von Robert Altman, in dem sie bei der Pariser Modewoche eine Schau nach der anderen verpasst, weil sie sich mit ihrem Mitbewohner im Hotel amüsiert, und zwar so: Filmausschnitt.

 

Borchardt

Nachdem ich optimistisch einen Zeitplan entworfen habe, obwohl eigentlich klar ist, dass sich so ein Modewochen-Einsatz nicht sinnvoll planen lässt, weil alle Beteiligten andauernd Termine verschieben, absagen oder nachholen müssen, treffe ich mich gegen 18 Uhr mit Alfons Kaiser und Anke Schipp im Borchardt, um eines dieser übergroßen Borchardt-Schnitzel zu essen – genau die richtige Stärkung vor dem Feiern. Der Blick auf den IMG-Zeitplan verrät dann allerdings, dass vor der Party erstmal ein Abschied auf dem Programm steht: Dirk Schönberger wird in der Neuen Nationalgalerie seine letzte Joop!-Kollektion zeigen.


Joop!

Ein Museum ist natürlich der richtige Ort, um Entwürfe zu präsentieren, die bald schon Geschichte sein werden; aber warum ist es nur so dunkel hier? Etwas mehr Licht wäre schön. Die blauen Leuchtröhren des Joop!-Schriftzugs reichen mir jedenfalls nicht aus, um einen Überblick über die anwesenden Gäste zu erhalten, zumal die meisten von ihnen so dunkel gekleidet sind, dass ihre Silhouetten in der Dunkelheit nahezu gänzlich verschwinden.  Später am Abend, beim Vogue-Empfang, wird von der „gespenstischen Atmosphäre“ in der Neuen Nationalgalerie die Rede sein. Die dunkle Garderobe der Gäste erinnert an Baudelaires Aussage, dass der dunkle Anzug des „homme moderne“ die Trauer einer Epoche signalisiere: „Wir feiern doch alle irgendeine Beerdigung“, irgendeinen Abschied – wohl wahr!

 

Da ich im Dunkeln auch noch meinen Notiz-Block verliere, ein ganz schlechtes Omen für eine Bloggerin, wird meine Lage plötzlich schwierig. Tini vom SZ-Magazin macht sich über mich lustig; aber zum Glück erreiche ich telefonisch einen Freund, der bereit ist, mir neues Arbeitsmaterial vorbeizubringen.

 

Kurz darauf stehe ich wieder in der Menge, genau in dem Moment, in dem die Scheinwerfer angehen und die Show beginnt: Mir gefallen besonders die Minikleider, nur das golden glänzende nicht, das in ähnlicher Weise noch vielfach zu sehen sein wird im weiteren Verlauf der Modewoche. An Pamela Anderson kann ich es mir gut vorstellen, aber sie ist wohl nicht der Typ Frau, den Dirk Schönberger einkleiden möchte. Solche und ähnliche Diskrepanzen könnten ihn beeinflusst haben bei seiner Entscheidung, sich nach der Schau nicht dem Publikum zu zeigen. Der Intellektuelle mit Antwerpener Vergangenheit und die Marke Joop! haben sich nach zwei Jahren offenbar auseinander gelebt. Obwohl Schönberger stehende Ovationen erntet (der Saal ist unbestuhlt!), lässt er sich nicht aus dem Backstage-Bereich hervorlocken und will auch keine Interviews geben.

Lino_Meiries_fashion_week_6Also wende ich mich dem schönsten Male Model des Abends zu, Lino Meiries : Gut gelaunt führt er mir seine Lieblingsmodelpose vor, deren Name: „Just before throwing up!“ mich allerdings etwas überrascht…

 

 

 

Vogue , Brigitte  und F.C. Gundlach

Ob der Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp diese Pose wohl gefiele? Stiftung FC GundlachSie empfängt ihre Gäste, darunter Klaus Wowereit und ihre Vorgängerin, Angelika Blechschmidt, im Café Moskau und tritt damit in unmittelbare Konkurrenz zur Redaktion der Brigitte, die nämlich zeitgleich eine Veranstaltung im Martin-Gropius-Bau abhält. Wer schnell genug Champagner trinkt, schafft es zu beiden Events und kann bei der Brigitte den inzwischen 83 Jahre alten F.C. Gundlach kennenlernen. Jüngeren Lesern muss ich vielleicht kurz erklären, dass sich hinter diesem Namen nicht etwa ein Fußball-Club verbirgt, sondern Franz Christian Gundlach, dessen Vornamen aber stets nur mit den Initialen genannt werden, warum auch immer. Er ist einer der berühmtesten deutschen Modefotografen, eine lebende Legende.

Magali_fashion_weekMit strahlenden Augen führt er durch seine aktuelle Werkschau, wobei er zu fast jeder Aufnahme eine Geschichte erzählt. Er nimmt sich Zeit für seine Gäste und empfiehlt Models, „sich selbst treu zu bleiben.“ Wahrscheinlich würde ihm die Lieblingpose des Mega-Models Magali gefallen; sie hat den Namen: „Einfach nur ich!“

 

 

 

 

 

Crackers

Zum Abschluss des Abends fahre ich ins Crackers, um Dirk Schönberger bei einem Gastauftritt als DJ zu sehen. Am Eingang sitzt Schumi (aber nicht der Rennfahrer, sondern der Gastgeber) im weißen Anzug, entspannt wie immer, der Laden ist voll. Kameramann Enrico wippt mit dem Fuß, Fotograf Markus Jans grüßt freundlich, Melanie aus der Welt-Online-Redaktion hat einen bewegten Tag hinter sich, Markus Ebner ebenfalls, denn er kümmert sich um das Styling bei Michalsky. Als Schönberger gegen zwei endlich auftaucht, steige ich gerade ins Taxi: Nur noch schlafen!

 

21. Januar 2010 / 2. Tag
Um kurz vor zehn ist auf der Prenzlauer Allee kein Taxi mehr zu kriegen; in wenigen Minuten beginnt aber die erste Modenschau. Also halte ich den Daumen ’raus und habe Glück: Ein freundlicher Gartenbauingenieur nimmt mich bis zum Bebelplatz mit.

Das weiße Mercedes-Zelt passt gut zum grau-weißen Himmel und den Schneeresten, die überall auf dem Pflaster liegen. Einen Moment lang scheint mir „Berliner Weiße“ der Farbtrend dieser Tage zu sein. Dann komme ich ins Grübeln: Ist so eine „Berliner Weiße“ nicht in Wahrheit entweder rot oder grün?

Anja Gockel

Zum Glück klingelt der Wecker an diesem Tag noch ein zweites Mal: Jedenfalls meine ich, zum Auftakt der Anja Gockel-Modenschau einen Hahn krähen zu hören. Dann betritt Alek Wek die Bühne, sie sieht sehr apart aus in dem schwarzen Pailletten-Jackett, und als Applaus ertönt, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Es macht Spaß, auch den anderen Mega-Models – Magali , Jana, Irina, Janna, Vanessa, Elin, Linn, Viktoria und Lucia – dabei zuzusehen, wie sie sich in die Kollektion und Musik einfühlen, jedes Mädchen auf seine Art.

Eine schöne Kollektion: Gedeckte Farben, viel Schwarz, Grau, dann etwas Rot, ein paar Grün- und Goldtöne, elegante Schnitte, hohe Taillen und Absätze, hier und da Schulterpolster, Pailletten, einige gewickelte Teile, aber insgesamt bleibt die Silhouette schmal. Den Abschluss der Schau liefert Alek in einem weißen Hosenanzug. Das luftige Gebinde, das sie dazu auf dem Kopf trägt, scheint mir wiederum auf den Namen Gockel anzuspielen, aber ganz sicher bin ich mir nicht…

Interview mit Alek Wek

Etwas später sitzt Alek neben mir in der Lobby des Hotels Adlon. Zum Wasser werden uns Nüsse serviert – endlich ein Frühstück!

 

Hi Alek! Wie gefällt es Dir bei der Berliner Modewoche?
Sehr gut. Die Menschen sind wunderbar zu mir, aufmerksam und herzlich. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Außerdem unterstütze ich gern Talente. Anja Gockel entwirft sehr feminine Kleidung für selbstbewusste Frauen. Ich mag ihren Stil.

Was hat Dir an der Kollektion am besten gefallen?
Die hochwertigen Stoffe, die sich ganz wunderbar auf der Haut anfühlen.

 

Dein Buch „Nomadenkind“ handelt von der Flucht Deiner Familie aus dem Sudan… d2629i55723h131039(Leseprobe aus Aleks Buch)
Ja, und es verkauft sich in Deutschland noch besser als in den USA. Die Leute hier nehmen Anteil an meinem Leben.

Wie war die Arbeit an dem Buch?
Anstrengend. Ich habe ja über eine schwierige Zeit geschrieben, auch über den Tod meines Vaters. Die Vergangenheit noch einmal zu durchleben, war schmerzhaft. Aber ich musste diesen Schritt gehen. Der Modewelt verdanke ich es, eine Stimme zu haben, die gehört wird. Und natürlich setze ich sie für mein Land ein.

 

Also ein politisches Buch.
Nein, mir geht es eher um Liebe und Gerechtigkeit. Allerdings hat sich die internationale Gemeinschaft bislang viel zu wenig um den Sudan gekümmert. Und ich freue mich über jeden Leser, der durch mich mehr über den Sudan erfährt.

Kannst Du Dir vorstellen, eines Tages in Deine Heimat zurückzukehren?
Meine Mutter will bald aus London wieder dorthin ziehen. Meine Familie lebt im Moment über den ganzen Erdball verstreut. Ich habe acht Geschwister, ein Bruder ist schon gestorben, die anderen leben in Australien, Kanada,  England, Amerika. Wir sind uns aber dennoch sehr nah und sprechen oft miteinander. Eben gerade habe ich mit meiner Mutter telefoniert.

Deine Familie ist Dir also sehr wichtig?
Sie ist das Wichtigste in meinem Leben, neben meinen Freunden. Später will ich auch mal Kinder haben. Aber ich lasse mir Zeit, ich bin ja erst 32 Jahre alt. Und außerdem habe ich eine Katze, sie heißt Seema, eine Mischung aus Siam- und Perserkatze.

Was, glaubst Du, wäre ohne das Modeln aus Dir geworden?
Ich war immer schon ein Freigeist. Vor dem Tina Turner-Videodreh, mit dem meine Model-Karriere so richtig losging, habe ich das London College of Fashion besucht. Ich liebe Kunst und Design.

Stimmt! Du hast ja auch eine eigene Taschenkollektion… (Taschenkollektion von Alek Wek)
Ja, das stimmt, ganz schlichte Taschen; den Großteil des Erlöses habe ich in der Vergangenheit gespendet, dem Dance Theatre of Harlem, der Brustkrebsforschung oder der amerikanischen Koalition „Gewalt gegen Fremde“. Es ist mir wichtig zu helfen, wo ich kann…

 

Und was machst Du, wenn Du Dich einfach nur amüsieren willst?
Ausschlafen, in Ruhe frühstücken, Zeitung lesen, meine Katze füttern, zum Yoga gehen oder durch den Fort Green Park joggen. Abends koche ich gern für Freunde.

 

Wer sind denn Deine Model-Freundinnen?
Oh, da gibt es viele. Karen Elson, die ja inzwischen Mutter ist und mit Jack White verheiratet, Jade Parfitt, Jasmine Guinness, Erin O’Connor… Ich mag auch Christina Kruse. Sie wird ja auch heute Abend ins Borchardt kommen. Du auch?

 

Mal sehen, ob ich’s schaffe. – Erstmal vielen Dank für das Gespräch.
Alek Wek: Ich danke Dir.

Küsschen hier, Küsschen da;  und schnell zurück ins Mercedes-Zelt. Ich habe schon zwei Schauen verpasst, ähnlich wie damals, als Model bei der  Joop-Modenschau im Herbst 1997: Alek legte einen sexy Catwalk hin, wogegen ich wegen eines Lippenstiftkleckses zwei Durchläufe der Schau verpasste.

 

Rena Lange

Statt mich in die Ticket-Schlange zu begeben, nehme ich den Backstage-Eingang und bin gleich mittendrin. Wolfhard Münter und Ted Linow sind schon da, von einigen ihrer Mega-Models umgeben: Ted schenkt mir das aktuelle Zeit-Magazin, eine Ausgabe, die ganz und gar Toni Garrn gewidmet ist. Christina Kruse zeigt mir ein Foto ihres Sohns August. Neulich hat sie ihn für die Zeitschrift Interview fotografiert. Letztes Jahr war eines ihrer Kunstprojekte, das Reisetagebuch, in der New Yorker Galerie Stephen Kasher zu sehen; in Deutschland sind einzelne Werke von ihr derzeit bei Anke Degenhard in Hamburg ausgestellt.

Hartje Andresen, heute noch bei Rena Lange, will übermorgen bei der Hochzeit ihrer Schwester deren Make-Up in die Hand nehmen und erzählt mit leuchtenden Augen, dass sie ihrer Schwester „einen Fotografen schenken“ werde. Aber Hartje: Wenn sie heiratet, ist Deine Schwester doch bereits vergeben!

Die Show beginnt: Kaum wieder vom Laufsteg herunter, rennen die Models zu den Anziehhilfen, um schnell ins nächste Outfit zu schlüpfen. Sobald sein Name erklingt, muss das Mädchen wieder am Ausgang sein, wo das Schild mit der Headline „You are Rock’n’Roll! Be strong!“ die erwünschte Stimmung vorgibt.

„Die traditionellen Bikolorstücke mit schwarzem Kleid und weißem Krägelchen“, wird Alfons Kaiser in der F.A.Z. schreiben, „entwickelt Kreativdirektor Julian Neale weiter zu tiefroten Jimi Hendix-Hosen mit Paisley-Mustern sowie gefährlichen Overnknees. Ein Spitzenkleid darf man bei Rena Lange erwarten. Jetzt gibt’s auch spitzenbewehrte Hosen.“ Wie gut, dass der „Mode-Kaiser“ vorne den Überblick behält. Hinter der Bühne geht es nämlich immer lauter und turbulenter zu.

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Nach dem Finale kommen die Journalisten angerauscht; da werden die  Kleider bereits wieder verpackt, in schöne rote Kleidersäcke: „Couture im Sack!“, wie Ted doppeldeutig bemerkt.

 

 

 

 

Borchardt

Boss Black oder Borchardt?, lautet die Frage des Abends. Ich entscheide mich für die Einladung von Ted. Christina und Alek sind auch im Borchhardt, und Visagist Boris Entrup schildert mir die aktuellen Schminktrends: Smokey Eyes für selbstbewusste Frauen. Dazu Lidschatten in dunklen Tönen und rosé- bis pinkfarbene Lippen.

hans_modelbookerBeim Zuhören muss ich an meine Augenringe  denken. Mein Schminktrend des Augenblicks: Concealer,  wenn ich ihn doch nur dabei hätte… Hans, Mega-Booker  in Berlin, hat auch schon Schatten unter den Augen.  – Kein Wunder, bei diesen Arbeitszeiten: Vor ein paar Tagen rief ein Kunde noch nachts um eins bei ihm  an, um Lino für ein Casting zu bestellen. Der Junge  war zum Glück noch wach; und so wurde eine  Buchung aus dem nächtlichen Ausflug. Morgens um  sieben klingelte das Handy des Bookers dann schon  wieder: Male Model Gerrit irrte im Adlon herum und  konnte das Zimmer 553 nicht finden, in dem er von  einem Fototeam bereits erwartet wurde. Hans lotste ihn über Handy an den richtigen Ort. Solche Erfolgserlebnisse könnten erklären, warum er trotz allem immer so gut gelaunt ist!

 

 

Nach der Boss-Black-Schau füllt sich das Borchardt zusehends: Christiane Arp kommt herein, und am Nebentisch, wo eben noch Jens Lehmann und seine Frau saßen, nehmen jetzt Sabine Christiansen, Udo Walz und Patricia Riekel Platz. Dem Figaro hat bei Boss Black die „Grace-Kelly-Banane“ in den Haaren der Models besonders gut gefallen. Die Chefin der Bunten lobt „die interessante Kombination von rustikalen mit feineren Stücken in der Abendmode.“ Überhaupt sei die Kollektion voller Stilbrüche und äußerst gelungen: „Siebzig Prozent aller Sachen würde ich selbst anziehen.“

 

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Je später der Abend wird, desto aufgedrehter ist die Stimmung: „Das Borchardt“, wird ein Freund mir am nächsten Tag schreiben, „hat etwas von einem Klassenzimmer, bevor der Lehrer kommt. Wenn alle immer so von Tisch zu Tisch rennen. Grandioser Abend.“ ­– Allerdings!